Was hätte Bert gesagt?

brecht-karikatur-joriswolff

Zwei Junks im Herrenklo,
warteten auf Godot,
der eine nannt sich Lucky,
der andere Pozzo,
ganz wie in jenem Werke,
kein bisschen mehr Niveau,
ein Alter und und ein Junger,
so weit so gut, so, so.

Nun kam ich dort hinzu
wozu, naja: lulu,
und weilte vor dem Becken,
und dachte nicht an Beckett,
auch nicht als ich entdecket,
das einer dieser Schrecken,
nach mir das Klo abzulecken
war im Begriff, ich nichts begriff,
löste den Griff, war ich bekifft?
die Spülung pfiff, fragte: wieso?

„Wir warten auf Godot!“

Bedeutungsvoll „Oho!“,
sagte ich und floh.
Nun kam ich im Gedränge
in einer Dame Fänge.
Sie sagte mir sie sänge,
am liebsten die Anfänge,
Wiener Operetten.
Ich bat um Zigaretten,
bekam aber Tabletten.
Da wurde ich gleich scheuer
fragte nicht mehr nach Feuer
und ging mit Worten – netten!

„Und damlas in Manhattan…“
begann ein Schelm zu chatten,
„standen auch die Wetten,
nicht so schlecht, das Letten,
es warn’n, die beide Jetten,
da rein gepfeffert hätten.“
Das sorgte für Empörung,
gar mancher schrie „Verschwörung!“,
ein andrer krud’re Wort‘,
skandierte „Brudermord“,
zitierte Kain und Abel,
alles für Reim und Fabel.

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Und täglich grüßt …

19.02.2013-

Kann es ein Sprechtheater nach Murmel Murmel geben? Die Antwort lautet: Murmel Murmel Murmel.

fritsch

Bremen, Montag, 18. Februar 2013, 11:00 Uhr

„Hallo?“ – „Hallo?“ – „Mit wem spreche ich denn?“ – „Und ich?“ – „Frau Soundso, Theater Bremen. Sie haben mich am Samstag angerufen und keine Nachricht hinterlassen.“ – „Achso, ja, ich wollte Karten reservieren für den Fritsch-Abend DIE BANDITEN. Aber das hat sich dann erledigt.“ – „Dürfte ich fragen warum?“ – „Ja klar. Meine Freundin hatte Kopfweh und wir sind dann in den Röhler-Film. Das hat aber auch nicht geholfen.“ – „Schade. Da wären sie wohl besser zu DIE BANDITEN gekommen. Das ist wirklich ein sehenswerter Abend.“ – „Ja. Hätte es da denn noch Karten gegeben? Der Fritsch ist doch momentan so angesagt -“ – „Nicht in Bremen. Wir haben große Probleme mit dem Publikum. Sie müssen wissen an dem Abend wird auch uriniert und kopuliert. Das kommt bei großen Teilen des Bremer Publikums nicht so gut an.“ – „Ich verspreche, nächstes Mal zu kommen.“ – „Das wäre schön. Da würden wir uns sehr freuen.“ – So sprach die freundliche Frau am Telefon. Sie schien es nicht eilig zu haben. Ob das Theater Bremen für jeden potentiellen Zuschauer einen eigenen Betreuer hat?

Berlin, Dienstag, 19. Februar 2013, 18:30 Uhr

Die Vorstellung geht zwar erst um 19 Uhr 30 los, aber telefonisch waren keine Karten mehr bekommen. Ich will will aber aber MURMEL MURMEL von Herbert Herbert Fritsch Fritsch sehen. Also hetze ich die Treppen zur Volksbühne hoch, quetsche mich durch Massen von wartenden Menschen und bekomme nichts als Quetschungen und Wartenummern – 25 und 26. Seltsam, sage ich mir, in Bremen wird das Kassenpersonal auf einen angesetzt und hat endlos Zeit zum Telefonieren, weil keiner Karten kaufen will und hier wollen sie ihn alle sehen, am liebsten täglich, den Herbert Fritsch. Als ich schon die Hoffnung samt Wartemarken an jemand anderen abgebe, winkt mir meine Verabredung zu. Mein Bekannter hat es geschafft, irgendwo auf dem Schwarzmarkt, der sich regelmäßig bei den sogenannten „Fritschiaden“ vor der Volksbühne Bahn bricht, hat er zwei Rang-Tickets erstanden. Ein Glas Weißwein später sitzen wir auch schon drin, in einer aus allen Nähten platzenden knackevollen Volksbühne. Hinter mir sitzt eine Frau, die es wohl kaum erwarten kann, weil sie schon beim Blick auf die leere Bühne hysterisch losprustet.

Dann tut sich was: Ein Mann in militärisch anmutender Uniform betritt den Saal, zwängt sich höflich durch die vollen Reihen und stürzt, das wird sich noch als ein deftiger Brauch erweisen, in den Orchestergraben. Es ist der Musiker Ingo Günther. Er soll uns den weiteren Verlauf des Abends mit einem voll- und wohlklingenden Marimbaphon, einem Keyboard und dem Computer noch reichlich versüßen.

Dann kommt er, schleicht sich verlegen aber zielsicher bis ganz vor an die Bühnenrampe: der allererste Murmler und spricht dort sein allererstes „Murmel“ des Abends. Was folgt ist eine wahre Sensation, ein bemurmelndes Theaterwunder. Die Spielvariationen und Regeln sind noch zahlreicher als beim Murmelspiel. Die Spieler auf Zack wie eine ganze Murmeltier-Kolonie.

„Körpertheater“ sagt man ihm nach, dem Herbert Fritsch, dem Ex-Problemkind, Ex-Extremschauspieler und jetzt Theaterneuerfinder. „Körpertheater“ ist es auch, auch diesmal, nur eben auch Murmel Murmel-Theater, von dem einem anderthalb Stunden lang kein bisschen langweilig wird. „Körpertheater“ greift kurz wie Tyrannosaurusärmchen, weil dieser Abend nicht etwa Fleischbeschau ist, sondern den Lebensmut auffrischt, den Kopf erhellt, das Herz rührt, glücklich und wohl gelaunt macht. MURMEL MURMEL Körpertheater zu nennen, ist deshalb wie Charlie Chaplins Filme als Hinfallfilme zu klassifizieren: hinfällig.

Dieser Abend ist eine Wohltat der Leere, an der allerdings sehr hart und sehr genau gearbeitet wurde. Elf Körper, elf Spieler, elf Murmler. Wie eine gut eingespielte Fußballelf. Fußball, darüber redet Fritsch auch oft und gern bei den Proben. Er animiert seine Spieler loszustürmen, lässt sie im Mittelfeld ruhig solo tricksen, aber achtet stets darauf, dass sie am Ende des Angriffs als Team die Pointe auch reinmachen. Er wurde schon der Jürgen Klopp des Staatstheaters genannt. Ein Spitzentrainer ist er auf jeden Fall, nur handelt es sich bei MURMEL MURMEL um eine andere Ästhetik als sie der Realität des Rasensports innewohnt. Das sieht vielmehr nach einem abgefahrenen LSD-Trip aus, was die bunten, über die Bühne schwebenden Leinwände da bewirken. Sie zaubern Gassen und Soffitten, rahmen das Geschehen ein, und interagieren damit. In zunehmender Bewegung vergrößern oder verkleinern sie die Spielfläche, schieben sich über die gesamte Bühnenbreite, lassen so Figuren verschwinden und andere auftauchen. Was manch einen vielleicht an die an Gemälde eines Barnett Newman erinnern lässt, weckt bei mir eher Assoziationen mit der amerikanischen 70er Jahre Soul und Funk Show namens Soul Train. Das hängt auch damit zusammen, dass die acht Harlekins, ergänzt von drei kapriziös gestikulierenden Damen immer wieder die Haltung einer Varieté-Show annehmen. Es gibt rhythmisch durchgefeilte, mehrstimmige Murmel-Chöre, Murmel-Ballett, Murmel-Pantomime, und vor allem auch mannigfaltigste Murmel-Slapstick zu bestaunen. Den Gag mit dem verschluckten Mikrophon, kennen wir zwar schon spätestens seit Bill Hicks (unbedingt youtuben, wer ihn nicht kennt), aber jede Wiederholung, wird durch eine atemberaubende Schnelligkeit, Päzision und Ideenfülle verziehen. Das Wort „Murmel“ wird auf so phantasievolle Weise gesungen, geflötet, gebrüllt, ausgespuckt, runtergeschluckt, skandiert, rezitiert, buchstabiert, getanzt, angesagt, zwischengerufen von einem Murmel-Mann mit Tourette-Syndrom und beglückt und zufrieden festgestellt von einem sich in die Hose greifenden Sind-meine-beiden-Murmeln-eigentlich-noch da-Murmel-Gutachter, dass man sich fast fragen möchte: Kann es ein Theater nach Murmel Murmel geben?

murmel murmel-c-thomas-aurin

Jetzt gibt es welche, die sich andere Fragen stellen. Sie bezweifeln, dass uns der Fritsch mit dem ganzen Gemurmel etwas sagen möchte. Diesen möchte man nach so einem reichen und glücklichen Abend am liebsten leichtfertig antworten: Murmel, murmel. Doch um Murmel nicht mit Murmel zu beantworten, sei außerdem gesagt: Alles, alles! Denn in der Murmel spiegelt sich die ganze Welt. Die ängstlich verzagte Tierchenhaftigkeit der Murmelgruppe, die kaum mehr etwas wagt. Ab und zu geht freilich die Rampensau mit jedem von ihnen durch, mindestens ebenso oft suchen die Ausreißer aber sofort wieder Unterschlupf und Nestwärme bei den anderen. Und dann die rührenden Versuche, „Kultur“ zu machen, die sie nur „Murmel“ nennen können, weil sie kein anderes Wort haben. Es ist, als hätten sie nur noch Rest-Erinnerungen an Kulturpraktiken wie „Jazzkonzert“, „Modern Dance“, „Chorgesang“, als wären es Dinge aus grauer Vorzeit, und als gäben ihnen diese nicht Tages-, sondern Jahrtausend-Reste noch letzte Traumtröstungen in einer absurd ausgeleerten Maschinerie, in der sie nichts mehr tun können als zu warten. Aber im Gegensatz zu Beckett haben sie nicht einmal mehr Worte für diesen Zustand, nicht einmal ein Wartenwollen. Es zucken nur noch so ein paar Aktivitäts-Gelüste durch ihre Hirne und Glieder. Das ist so groß und universell inszeniert wie auch das Lachen darüber groß und universell ist. So ist mir selbst das unaufhörliche hysterische Glucksen der Frau, die anderthalb Stunden hinter mir im Rang saß, lieber, als die zwanghafte Einstellung von Schwermut und düsteren Gedanken, sobald es um die letzten Dinge in der Welt des Theaters geht.

Murmel Murmel, Murmel Murmel Murmel, Murmel Murmel Murmel Murmel. Anderthalb Stunden wird immer wieder gemurmelt und so viel erzählt wie in wenigen Theaterabenden dieser Tage. Vom Showbizzgemurmel über religiöses Gemurmel über Ausgrenzungsgemurmel über Theatergemurmel bis hin zu Gemurmelgemurmel parodiert MURMEL MURMEL die menschliche Existenz.

Dabei hat sich Herbert Fritsch den Text nicht einmal selbst ausgedacht, wie man bei der zweisilbigen Textvorlage vielleicht denken könnte. Der Abend hält sich exakt an die Dramaturgie des gleichnamige Stücks des Fluxus-, Müll- und „Schimmel“-Künstlers und Musikers, Verlegers und Architekten, Filmemachers und Designers, Messis und Trinkers Dieter Roth aus dem Jahre 1974. Und genau wie bei Fritsch besteht das Werk aus einem Wort, das auf 176 Seiten gebräunten Papiers gedruckt ist: „Murmel Murmel Murmel, Murmel, Murmel Murmel, Murmel (…)“

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QUELLEN DES LEBENS von Oskar Röhler

17.02.2013-

„Oskar Röhler den neuen Fassbinder zu nennen, wirkt so absurd wie der Vergleich zwischen Moritz Bleibtreu und Klaus Kinski, obwohl letzterer, wie man weiss, ebenfalls immer wieder auch in sehr schlechten Filmen mitgespielt hat.“

herausragend: Margarita Broich als hysterische Fünfzigerjahre Spießerin

herausragend: Margarita Broich als hysterische Fünfzigerjahre Spießerin

Oskar Röhler zeigt ein Melodram über sich, seine Eltern und seine Großeltern. Drei Generationen in einem Film. Drei Stunden Röhlersche Selbsterkundung.

Vernachlässigt und alleingelassen von seinen exzentrischen Eltern, die beide als Schriftsteller den Erfolg suchten, wurde Oskar Roehler schon von klein auf mit familiären Prekaritäten konfrontiert. Er wurde 1959 als Sohn der Schriftsteller Gisela Elsner und Klaus Roehler geboren. Beide waren Mitglied der Gruppe 47. Beide hatten wenig Interesse und Liebe für das Kind Oskar Röhler. Das ist eine traurige, unglückliche und auch interessante Geschichte, die der Mensch Röhler wohl zurecht für Wert befunden hat verfilmt zu werden. Nun ist der Mensch gleichzeitig Regisseur und genau da beginnt das Unglück seinen Lauf zu nehmen.

Im Film heißt Röhler Robert. Robert Freytag. Die Geschichte beginnt aber mit seinem Opa. Alt-Nazi Erich (Jürgen Vogel). Der kehrt aus russsischer Kriegsgefangenschaft zurück, bekommt unverhofft ein neues Gebiss aus Stahl geschenkt, schmeißt seine lesbische Schwester aus dem Haus und nimmt seinen Platz als Familienoberhaupt wieder ein. Zusammen mit seinem Sohn Klaus (Moritz Bleibtreu) stampft er eine Gartenzwergfabrik aus dem Boden. Sohn Klaus, der literarische Ambitionen hat, lernt den Wildfang Gisela (Lavinia Wilson) kennen und geht studieren. Gisela und Klaus sollen später Roberts Eltern werden. Vater Klaus wird als Schriftsteller scheitern, wird Lektor werden, wird reihenweise literaturbegeisterte Mädchen abschleppen und seine einzige Erziehungsaufgabe darin sehen, das Kind täglich zu einem Glas warmer Milch zu zwingen. Mutter Gisela (Lavinia Wilson) wird statt seiner als Schriftstellerin Karriere machen und sich in eine „Weltraumnutte“ verwandeln, eine vom Erscheinungsbild etwas an Nina Hagen erinnernde Exzentrikerin mit Cleopatra-Perücke. Ihre reichen, konservativen Eltern (Margarita Broich, Thomas Heinze) liefern sich einen gnadenlosen Ehekrieg. Vom Vater nur widerwillig geduldet und von der Mutter völlig verstoßen, wird Robert zwischen den jeweiligen Großeltern und dem Vater hin- und hergereicht und schließlich in ein Internat abgeschoben. Dort entwickelt er sich zu einem rebellierenden Hippie, muss es aber, sobald die reiche Großmutter mütterlicherseits stirbt, verlassen und landet wieder beim Nazi-Opa. Dort verliebt er sichin die Nachbarstochter. Zusammen reisen sie zu seiner bereits völlig ruinierten Mutter nach Berlin, lassen sich von dieser einen Weile zuqualmen und -texten bis Robert das Gespräch mit einem „Die spinnt doch, die Alte!“ beendet.

Jetzt ist es aber nicht das Was, sondern das Wie des Erzählens, das einem nicht so richtig die sonst so häufig gebrauchten Röhler-Attribute einfallen lässt. Der Film ist nicht radikal, nicht übertrieben, zumindest meist nicht an den konsequenterweise richtigen Stellen, nicht schonungslos, und – ja – auch einfach nicht konsequent. Oskar Röhler den neuen Fassbinder zu nennen, wirkt so absurd wie der Vergleich zwischen Moritz Bleibtreu und Klaus Kinski, obwohl letzterer, wie man weiss, ebenfalls immer wieder auch in sehr schlechten Filmen mitgespielt hat.

Damit wären wir schon bei einem der Kernproblem des Films: Moritz Bleibtreu.

Röhler liebt ihn ja, bleibt ihm treu, sozusagen. Es ist bereits der vierte Röhler-Film in dem der sympathische Hamburger mitspielt. Es war in vier von Röhlers jüngeren Filmen, vier seiner schlechteren. Selbst wenn man ein gewisses Maß an Verständnis für die Rücksichtnahme auf Marktmechanismen, die scheinbar große Namen fordern, haben sollte, wird nicht verständlich, warum man Moritz Bleibtreu als einen sozial eingeschränkten komplizierten Schriftstellertypen besetzen will. Das ist er einfach nicht und das kann er nicht spielen. Jedes Mal wenn er befiehlt „Trink deine Milch!“ oder zu sonstigen Anfällen von väterlich unfähiger Härte übergeht um im nächsten Moment wieder unser schnuffiger charmanter Moritz zu sein, macht er sich unglaubwürdig bis zum Fremdschämen. Natürlich kann Röhler immer sagen „Aber genau so war mein Vater“, schließlich ist es ja seine ganz persönlich Geschichte. Aber die Figur die Bleibtreu sich da abspielt wird keine, denn so zerfahren ist keiner, auch nicht der Vater von Oskar Röhler.

Dabei ist Moritz Bleibtreu kein schlechter Schauspieler wie man in Akins SOULKITCHEN oder in Yildirims CHIKO nachsehen kann. Nur eben bestimmt kein Allrounder und erst recht kein Joseph Goebbels und auch kein Klaus Freytag. Die Frage danach, wem die Röhler-Bleibtreu-Liaison – künstlerisch – nützen soll, stellt sich auch, wenn sich ein gestandener Schauspieler, der Bleibtreu zweifelsohne inzwischen ist, sich von einer zur Hochform auflaufenden jungen Lavinia Wilson gnadenlos an die Wand spielen lässt.

Schauspielerisch am herausstechendsten war aber nicht sie, auch nicht Jürgen Vogel oder Meret Becker, sondern das andere Großelternpaar, gespielt von Margarethe Broich und Thomas Heinze!

Großartig geben sie ein explosives Spießerpaar der fünfziger Jahre. Beklemmend und zugleich komisch wie die reiche und zu Hysterieanfällen neigende großbürgerliche Dame im Goldbrokatkleid und mit Cognacglas ihren konservativen und stocksteifen Ehemann im Kempinski Hotel vorführt. Ja, diese Lichtblicke gibt es in QUELLEN DES LEBENS immer wieder. Es sind mehr einzelne Bilder, Details, die einem positiv im Gedächtnis bleiben als das Gesamtwerk. Wie Jürgen Vogel seiner Schwester auf den Fuß tritt und ihr droht, sie solle bis zum Abend ihre Sachen gepackt haben, spritzende Gartenschläuche in der fränkischen Provinz, gesprengte Maulwurfshügel, im Fluss badende Frauen, ein kleines vernachlässigtes Kind, dass vergeblich an der Tür der Mutter klopft. Doch gleich darauf erfolgt der nächste Abfuck à la Roehler: Ein albern wütender Moritz Bleibtreu, der seiner Frau befiehlt jetzt mal Klopapier holen zu gehen. Das ist so witzlos, dass man den Regisseur und seine Darsteller regelrecht am Set witzeln sieht. Immerwieder: Chancen die sich in Klischees verlaufen. Plötzlich aufflimmernder Geist, der gleich wieder zur billigen Karikatur gerinnt.

Auch erzählt Röhler den Film in einem durch. Linear. Keine Rückblenden, keine Vorgriffe. Manchmal verharrt er bei einer völlig unspektakulären Begebenheit um dann über den nächsten Punkt drüber zu galoppieren wie nichts Gutes. Warum und wie er die erzählenswerten Punkte aussucht, bleibt Röhlers autobiographisch poetischer Logik überlassen. Aber während bei Autorenfilmern, wie Fassbinder oder Tarkowskij, Vertrauen in die fremde Handschrift erwächst, fühlt man sich von Röhler an der Nase herumgeführt und versteht nicht was der Tanz soll. Es mag z.B. praktische Besetzungsgründe haben, dass sowohl Röhlers Alter Ego Robert wie auch sein Vater jeweils in groben Schüben groß werden. Warum aber die Metamorphose von Roberts Vater Klaus vom unmündigen Adlatus seines Nazi-Vaters Erich zum wortgewandten selbstbewussten gutaussehenden Literaten, nicht erzählt wird, bleibt unverständlich. Eben noch der schüchterne introvertierte Junge, und gleich darauf ein verschmitzt lächelnder Moritz Bleibtreu, der sich die begehrenswerteste Frau des ganzen Abschlussballs mal eben souverän mit ein paar coolen Sprüchen klarmacht. Das stimmt unversöhnlich. Auch woraus sich all die Klischees der linken Boheme-Existenz von Roberts Eltern, die später urplötzlich auftauchen, rekrutieren, bleibt im Nebel.

Bei all dem fehlt Röhler, der sich scheinbar vorgenommen hatte im Vorbeigehen die Geschichte der Bundesrepublik der Sechziger und Siebziger zu erzählen, die politische Dimension. Am klarsten wird das, wenn man sich ansieht, wie Röhler die Geschichte seines Nazi-Opas erzählt. Dessen nationalsozialistische Haltung, die er bis zum Ende beibehält, wird einzig verniedlicht und reiht sich in die Fülle von Details ein, die diesen – auch noch von Sympathieträger Jürgen Vogel gespielten – Nazi in einem allzu warme Licht erscheinen lässt. Mal als eine Nazi-Biest-Version von DIE SCHÖNE UND DAS BIEST, dann als verantwortungsbewussten und mitarbeiternahen Betriebschef und schließlich als Nierenspender aus Liebe. Schließlich, so hat Roehler in Interviews erzählt, hat er seinen Opa eben sehr gern gehabt.

Im Gegensatz zu den altersmilden Tendenzen des Films, wird das verstörend Groteske und überzogen Trashige immerhin damit gerechtfertigt, dass man die ganze Geschichte aus der Erzählperspektive der Erinnerung des pubertierenden Robert geschildert bekommt. Stellt sich hierbei nur die Frage, warum, um Gottes willen, will man sich drei Stunden lang Oskar Röhlers Biographie und die Nachkriegsgeschichte von einem Pubertisten erzählen lassen? – Weil diese Perspektive „verzerrt und ausdrücklich aufs Peinliche gerichtet ist“ argumentiert die Süddeutsche Zeitung. Das Problem nur ist der Röhler, Jahrgang 1959, der seine Geschichte, wenn schon nicht mit goldener Feder schreiben möchte, so doch mit vergoldeter. So dass man am Ende auch bezweifeln muss, ob bei so viel Wegsehen, Ausblenden und eben nicht aufs Ganze gehen, zumindest die Selbsttherapie noch geglückt ist.

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Und Sie sind – ERLÖST!

...na hoffentlich ist der Herr von Studnitz vor lauter Weisheit nicht bald auch so einsam im Theater Ulm wie der Robinson Crusoe, hier gespielt von Joachim Meyerhoff in einer Inszenierung von Jan Bosse am Burgtheater Wien

…na hoffentlich ist der Herr von Studnitz vor lauter Weisheit nicht bald auch so einsam im Theater Ulm wie der Robinson Crusoe, hier gespielt von Joachim Meyerhoff in einer Inszenierung von Jan Bosse am Burgtheater Wien

1.10.2011-

Ich bewegte mich heute „sozusagen“ um Ulm herum „sozusagen“. Und dabei fiel mir „sozusagen“ das Spielzeitheft des Ulmer Theaters in die Hände, welches nicht mehr so genannt werden darf, weil der Intendant des „Ulmer Theaters“ es in „Theater Ulm“ umbenannt hat. „Sozusagen“. Das war eine seiner ersten Amtshandlungen als er 2006 Intendant wurde. Als ich zu Schulzeiten zum letzten Mal im „Theater Ulm“ war, hieß es also noch „Ulmer Theater“. Das ist beruhigend, denn ich spreche immer vom „Ulmer Theater“, wenn ich mich allein in meinem Büro an diese Zeit zurückerinnere. Ja, ich spreche mit mir selbst, aber wenigstens höre ich dann nicht so häufig das Nicht-Wort „sozusagen“, wie es in manchen Theaterkreisen von Ulm bis Berlin inzwischen „sozusagen“ sehr in Mode gekommen ist. Aber ich fürchte das Thema zu verfehlen und versuche aus diesem Grund von jetzt ab auf das Hilfswort „sozusagen“ zu verzichten und mich dennoch verständlich zu halten.

Man könnte also meinen, meiner Anachronismusphobie und der fortschreitenden allgemeinen Schizophreniehyperhondrie wäre damit genüge getan, dass ich das mit dem „Ulmer Theater“ – das Theater am Goetheplatz in Bremen heißt ja auch schon seit längerem „Theater Bremen“ und es stört mich nicht sehr – für mich klargestellt hab, aber nein, ich merkte: Mir ging es hier um etwas ganz anderes. Es geht, ohne Namen nennen zu wollen, um Andreas von Studnitz, den Intendanten des Theaters Ulms. Genauer: Um dessen Sensibilität im Umgang mit dem Wortigen. Dass das „Ulmer Theater“ „Theater Ulm“ heißen muss, ist nämlich selbstevident wenn das Spielzeitthema 2011/2012 „Erlöst“ lautet.

Der Perfekt! Die vollendete Gegenwart! Warum kam da noch keiner drauf? Die Spielzeit ist noch nicht gespielt, noch nicht einmal angespielt, aber heißen tutet sie schon „Erlöst!“. Dabei ist „Erlösen“ ja rein grammatikalisch gesehen ein eher schwaches Verb, sagt man – schade dachte man sich in Ulm, und gleich darauf: „Wir bringen ‚Erlösen‘, ‚Erlösen‘, aber im Partizip II!“ Darauf musste langes Schweigen folgen, bis der euphorische Sprecher ergänzt haben musste: „Also ‚Erlöst‘.“

Aufatmen! Wer den Partizip II bilden kann, kann mehr!

„Erlöst“ schreibt von Studnitz an das hochverehrte Publikum „bezeichnet einen Zustand endgültiger Harmonie und ewigen Friedens, die Aufhebung der Gegensätze, die unser Leben ausmachen. Wir sehnen uns danach ein Leben lang, arbeiten tagtäglich an kleineren und größeren Erlösungen, um uns – immer und immer wieder – einen Hauch dieses Glücks zu verschaffen. Gleichzeitig fürchten wir die Unendlichkeit dieses Zustands. Denn wir ahnen: ewiges Glück bedeutet Tod.“

Was tun wir tagtäglich wochwöchentlich immer und immerwieder? Wir sehnen uns danach, das aufzuheben, was unser Leben ausmacht? Gleichzeitig soll uns eine Furcht vor unendlichem Glück eingehaucht werden, weil ewiges Glück Tod bedeutet? Na wenn Pippi Langstrumpf, Romeo und Julia und Nis-Momme Stockmann das können, kann man sich ja schon vor-erlöst fühlen, oder eben doch weiterhin tagtäglich an den kleineren und größeren Erlösungen arbeiten. Das könnte ein vorzeitiges Verlassen des Theatersaals sein, ein wiederholtes Hüsteln, oder schon ein kurzes Luftlassen! Und Sie sind – ERLÖST!

http://www.ulm.de/sixcms/media.php/29/spielzeitheft_2011_2012.pdf

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