Und Sie sind – ERLÖST!

...na hoffentlich ist der Herr von Studnitz vor lauter Weisheit nicht bald auch so einsam im Theater Ulm wie der Robinson Crusoe, hier gespielt von Joachim Meyerhoff in einer Inszenierung von Jan Bosse am Burgtheater Wien

…na hoffentlich ist der Herr von Studnitz vor lauter Weisheit nicht bald auch so einsam im Theater Ulm wie der Robinson Crusoe, hier gespielt von Joachim Meyerhoff in einer Inszenierung von Jan Bosse am Burgtheater Wien

1.10.2011-

Ich bewegte mich heute „sozusagen“ um Ulm herum „sozusagen“. Und dabei fiel mir „sozusagen“ das Spielzeitheft des Ulmer Theaters in die Hände, welches nicht mehr so genannt werden darf, weil der Intendant des „Ulmer Theaters“ es in „Theater Ulm“ umbenannt hat. „Sozusagen“. Das war eine seiner ersten Amtshandlungen als er 2006 Intendant wurde. Als ich zu Schulzeiten zum letzten Mal im „Theater Ulm“ war, hieß es also noch „Ulmer Theater“. Das ist beruhigend, denn ich spreche immer vom „Ulmer Theater“, wenn ich mich allein in meinem Büro an diese Zeit zurückerinnere. Ja, ich spreche mit mir selbst, aber wenigstens höre ich dann nicht so häufig das Nicht-Wort „sozusagen“, wie es in manchen Theaterkreisen von Ulm bis Berlin inzwischen „sozusagen“ sehr in Mode gekommen ist. Aber ich fürchte das Thema zu verfehlen und versuche aus diesem Grund von jetzt ab auf das Hilfswort „sozusagen“ zu verzichten und mich dennoch verständlich zu halten.

Man könnte also meinen, meiner Anachronismusphobie und der fortschreitenden allgemeinen Schizophreniehyperhondrie wäre damit genüge getan, dass ich das mit dem „Ulmer Theater“ – das Theater am Goetheplatz in Bremen heißt ja auch schon seit längerem „Theater Bremen“ und es stört mich nicht sehr – für mich klargestellt hab, aber nein, ich merkte: Mir ging es hier um etwas ganz anderes. Es geht, ohne Namen nennen zu wollen, um Andreas von Studnitz, den Intendanten des Theaters Ulms. Genauer: Um dessen Sensibilität im Umgang mit dem Wortigen. Dass das „Ulmer Theater“ „Theater Ulm“ heißen muss, ist nämlich selbstevident wenn das Spielzeitthema 2011/2012 „Erlöst“ lautet.

Der Perfekt! Die vollendete Gegenwart! Warum kam da noch keiner drauf? Die Spielzeit ist noch nicht gespielt, noch nicht einmal angespielt, aber heißen tutet sie schon „Erlöst!“. Dabei ist „Erlösen“ ja rein grammatikalisch gesehen ein eher schwaches Verb, sagt man – schade dachte man sich in Ulm, und gleich darauf: „Wir bringen ‚Erlösen‘, ‚Erlösen‘, aber im Partizip II!“ Darauf musste langes Schweigen folgen, bis der euphorische Sprecher ergänzt haben musste: „Also ‚Erlöst‘.“

Aufatmen! Wer den Partizip II bilden kann, kann mehr!

„Erlöst“ schreibt von Studnitz an das hochverehrte Publikum „bezeichnet einen Zustand endgültiger Harmonie und ewigen Friedens, die Aufhebung der Gegensätze, die unser Leben ausmachen. Wir sehnen uns danach ein Leben lang, arbeiten tagtäglich an kleineren und größeren Erlösungen, um uns – immer und immer wieder – einen Hauch dieses Glücks zu verschaffen. Gleichzeitig fürchten wir die Unendlichkeit dieses Zustands. Denn wir ahnen: ewiges Glück bedeutet Tod.“

Was tun wir tagtäglich wochwöchentlich immer und immerwieder? Wir sehnen uns danach, das aufzuheben, was unser Leben ausmacht? Gleichzeitig soll uns eine Furcht vor unendlichem Glück eingehaucht werden, weil ewiges Glück Tod bedeutet? Na wenn Pippi Langstrumpf, Romeo und Julia und Nis-Momme Stockmann das können, kann man sich ja schon vor-erlöst fühlen, oder eben doch weiterhin tagtäglich an den kleineren und größeren Erlösungen arbeiten. Das könnte ein vorzeitiges Verlassen des Theatersaals sein, ein wiederholtes Hüsteln, oder schon ein kurzes Luftlassen! Und Sie sind – ERLÖST!

http://www.ulm.de/sixcms/media.php/29/spielzeitheft_2011_2012.pdf

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