QUELLEN DES LEBENS von Oskar Röhler

17.02.2013-

„Oskar Röhler den neuen Fassbinder zu nennen, wirkt so absurd wie der Vergleich zwischen Moritz Bleibtreu und Klaus Kinski, obwohl letzterer, wie man weiss, ebenfalls immer wieder auch in sehr schlechten Filmen mitgespielt hat.“

herausragend: Margarita Broich als hysterische Fünfzigerjahre Spießerin

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Oskar Röhler zeigt ein Melodram über sich, seine Eltern und seine Großeltern. Drei Generationen in einem Film. Drei Stunden Röhlersche Selbsterkundung.

Vernachlässigt und alleingelassen von seinen exzentrischen Eltern, die beide als Schriftsteller den Erfolg suchten, wurde Oskar Roehler schon von klein auf mit familiären Prekaritäten konfrontiert. Er wurde 1959 als Sohn der Schriftsteller Gisela Elsner und Klaus Roehler geboren. Beide waren Mitglied der Gruppe 47. Beide hatten wenig Interesse und Liebe für das Kind Oskar Röhler. Das ist eine traurige, unglückliche und auch interessante Geschichte, die der Mensch Röhler wohl zurecht für Wert befunden hat verfilmt zu werden. Nun ist der Mensch gleichzeitig Regisseur und genau da beginnt das Unglück seinen Lauf zu nehmen.

Im Film heißt Röhler Robert. Robert Freytag. Die Geschichte beginnt aber mit seinem Opa. Alt-Nazi Erich (Jürgen Vogel). Der kehrt aus russsischer Kriegsgefangenschaft zurück, bekommt unverhofft ein neues Gebiss aus Stahl geschenkt, schmeißt seine lesbische Schwester aus dem Haus und nimmt seinen Platz als Familienoberhaupt wieder ein. Zusammen mit seinem Sohn Klaus (Moritz Bleibtreu) stampft er eine Gartenzwergfabrik aus dem Boden. Sohn Klaus, der literarische Ambitionen hat, lernt den Wildfang Gisela (Lavinia Wilson) kennen und geht studieren. Gisela und Klaus sollen später Roberts Eltern werden. Vater Klaus wird als Schriftsteller scheitern, wird Lektor werden, wird reihenweise literaturbegeisterte Mädchen abschleppen und seine einzige Erziehungsaufgabe darin sehen, das Kind täglich zu einem Glas warmer Milch zu zwingen. Mutter Gisela (Lavinia Wilson) wird statt seiner als Schriftstellerin Karriere machen und sich in eine „Weltraumnutte“ verwandeln, eine vom Erscheinungsbild etwas an Nina Hagen erinnernde Exzentrikerin mit Cleopatra-Perücke. Ihre reichen, konservativen Eltern (Margarita Broich, Thomas Heinze) liefern sich einen gnadenlosen Ehekrieg. Vom Vater nur widerwillig geduldet und von der Mutter völlig verstoßen, wird Robert zwischen den jeweiligen Großeltern und dem Vater hin- und hergereicht und schließlich in ein Internat abgeschoben. Dort entwickelt er sich zu einem rebellierenden Hippie, muss es aber, sobald die reiche Großmutter mütterlicherseits stirbt, verlassen und landet wieder beim Nazi-Opa. Dort verliebt er sichin die Nachbarstochter. Zusammen reisen sie zu seiner bereits völlig ruinierten Mutter nach Berlin, lassen sich von dieser einen Weile zuqualmen und -texten bis Robert das Gespräch mit einem „Die spinnt doch, die Alte!“ beendet.

Jetzt ist es aber nicht das Was, sondern das Wie des Erzählens, das einem nicht so richtig die sonst so häufig gebrauchten Röhler-Attribute einfallen lässt. Der Film ist nicht radikal, nicht übertrieben, zumindest meist nicht an den konsequenterweise richtigen Stellen, nicht schonungslos, und – ja – auch einfach nicht konsequent. Oskar Röhler den neuen Fassbinder zu nennen, wirkt so absurd wie der Vergleich zwischen Moritz Bleibtreu und Klaus Kinski, obwohl letzterer, wie man weiss, ebenfalls immer wieder auch in sehr schlechten Filmen mitgespielt hat.

Damit wären wir schon bei einem der Kernproblem des Films: Moritz Bleibtreu.

Röhler liebt ihn ja, bleibt ihm treu, sozusagen. Es ist bereits der vierte Röhler-Film in dem der sympathische Hamburger mitspielt. Es war in vier von Röhlers jüngeren Filmen, vier seiner schlechteren. Selbst wenn man ein gewisses Maß an Verständnis für die Rücksichtnahme auf Marktmechanismen, die scheinbar große Namen fordern, haben sollte, wird nicht verständlich, warum man Moritz Bleibtreu als einen sozial eingeschränkten komplizierten Schriftstellertypen besetzen will. Das ist er einfach nicht und das kann er nicht spielen. Jedes Mal wenn er befiehlt „Trink deine Milch!“ oder zu sonstigen Anfällen von väterlich unfähiger Härte übergeht um im nächsten Moment wieder unser schnuffiger charmanter Moritz zu sein, macht er sich unglaubwürdig bis zum Fremdschämen. Natürlich kann Röhler immer sagen „Aber genau so war mein Vater“, schließlich ist es ja seine ganz persönlich Geschichte. Aber die Figur die Bleibtreu sich da abspielt wird keine, denn so zerfahren ist keiner, auch nicht der Vater von Oskar Röhler.

Dabei ist Moritz Bleibtreu kein schlechter Schauspieler wie man in Akins SOULKITCHEN oder in Yildirims CHIKO nachsehen kann. Nur eben bestimmt kein Allrounder und erst recht kein Joseph Goebbels und auch kein Klaus Freytag. Die Frage danach, wem die Röhler-Bleibtreu-Liaison – künstlerisch – nützen soll, stellt sich auch, wenn sich ein gestandener Schauspieler, der Bleibtreu zweifelsohne inzwischen ist, sich von einer zur Hochform auflaufenden jungen Lavinia Wilson gnadenlos an die Wand spielen lässt.

Schauspielerisch am herausstechendsten war aber nicht sie, auch nicht Jürgen Vogel oder Meret Becker, sondern das andere Großelternpaar, gespielt von Margarethe Broich und Thomas Heinze!

Großartig geben sie ein explosives Spießerpaar der fünfziger Jahre. Beklemmend und zugleich komisch wie die reiche und zu Hysterieanfällen neigende großbürgerliche Dame im Goldbrokatkleid und mit Cognacglas ihren konservativen und stocksteifen Ehemann im Kempinski Hotel vorführt. Ja, diese Lichtblicke gibt es in QUELLEN DES LEBENS immer wieder. Es sind mehr einzelne Bilder, Details, die einem positiv im Gedächtnis bleiben als das Gesamtwerk. Wie Jürgen Vogel seiner Schwester auf den Fuß tritt und ihr droht, sie solle bis zum Abend ihre Sachen gepackt haben, spritzende Gartenschläuche in der fränkischen Provinz, gesprengte Maulwurfshügel, im Fluss badende Frauen, ein kleines vernachlässigtes Kind, dass vergeblich an der Tür der Mutter klopft. Doch gleich darauf erfolgt der nächste Abfuck à la Roehler: Ein albern wütender Moritz Bleibtreu, der seiner Frau befiehlt jetzt mal Klopapier holen zu gehen. Das ist so witzlos, dass man den Regisseur und seine Darsteller regelrecht am Set witzeln sieht. Immerwieder: Chancen die sich in Klischees verlaufen. Plötzlich aufflimmernder Geist, der gleich wieder zur billigen Karikatur gerinnt.

Auch erzählt Röhler den Film in einem durch. Linear. Keine Rückblenden, keine Vorgriffe. Manchmal verharrt er bei einer völlig unspektakulären Begebenheit um dann über den nächsten Punkt drüber zu galoppieren wie nichts Gutes. Warum und wie er die erzählenswerten Punkte aussucht, bleibt Röhlers autobiographisch poetischer Logik überlassen. Aber während bei Autorenfilmern, wie Fassbinder oder Tarkowskij, Vertrauen in die fremde Handschrift erwächst, fühlt man sich von Röhler an der Nase herumgeführt und versteht nicht was der Tanz soll. Es mag z.B. praktische Besetzungsgründe haben, dass sowohl Röhlers Alter Ego Robert wie auch sein Vater jeweils in groben Schüben groß werden. Warum aber die Metamorphose von Roberts Vater Klaus vom unmündigen Adlatus seines Nazi-Vaters Erich zum wortgewandten selbstbewussten gutaussehenden Literaten, nicht erzählt wird, bleibt unverständlich. Eben noch der schüchterne introvertierte Junge, und gleich darauf ein verschmitzt lächelnder Moritz Bleibtreu, der sich die begehrenswerteste Frau des ganzen Abschlussballs mal eben souverän mit ein paar coolen Sprüchen klarmacht. Das stimmt unversöhnlich. Auch woraus sich all die Klischees der linken Boheme-Existenz von Roberts Eltern, die später urplötzlich auftauchen, rekrutieren, bleibt im Nebel.

Bei all dem fehlt Röhler, der sich scheinbar vorgenommen hatte im Vorbeigehen die Geschichte der Bundesrepublik der Sechziger und Siebziger zu erzählen, die politische Dimension. Am klarsten wird das, wenn man sich ansieht, wie Röhler die Geschichte seines Nazi-Opas erzählt. Dessen nationalsozialistische Haltung, die er bis zum Ende beibehält, wird einzig verniedlicht und reiht sich in die Fülle von Details ein, die diesen – auch noch von Sympathieträger Jürgen Vogel gespielten – Nazi in einem allzu warme Licht erscheinen lässt. Mal als eine Nazi-Biest-Version von DIE SCHÖNE UND DAS BIEST, dann als verantwortungsbewussten und mitarbeiternahen Betriebschef und schließlich als Nierenspender aus Liebe. Schließlich, so hat Roehler in Interviews erzählt, hat er seinen Opa eben sehr gern gehabt.

Im Gegensatz zu den altersmilden Tendenzen des Films, wird das verstörend Groteske und überzogen Trashige immerhin damit gerechtfertigt, dass man die ganze Geschichte aus der Erzählperspektive der Erinnerung des pubertierenden Robert geschildert bekommt. Stellt sich hierbei nur die Frage, warum, um Gottes willen, will man sich drei Stunden lang Oskar Röhlers Biographie und die Nachkriegsgeschichte von einem Pubertisten erzählen lassen? – Weil diese Perspektive „verzerrt und ausdrücklich aufs Peinliche gerichtet ist“ argumentiert die Süddeutsche Zeitung. Das Problem nur ist der Röhler, Jahrgang 1959, der seine Geschichte, wenn schon nicht mit goldener Feder schreiben möchte, so doch mit vergoldeter. So dass man am Ende auch bezweifeln muss, ob bei so viel Wegsehen, Ausblenden und eben nicht aufs Ganze gehen, zumindest die Selbsttherapie noch geglückt ist.

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