Und täglich grüßt …

19.02.2013-

Kann es ein Sprechtheater nach Murmel Murmel geben? Die Antwort lautet: Murmel Murmel Murmel.

fritsch

Bremen, Montag, 18. Februar 2013, 11:00 Uhr

„Hallo?“ – „Hallo?“ – „Mit wem spreche ich denn?“ – „Und ich?“ – „Frau Soundso, Theater Bremen. Sie haben mich am Samstag angerufen und keine Nachricht hinterlassen.“ – „Achso, ja, ich wollte Karten reservieren für den Fritsch-Abend DIE BANDITEN. Aber das hat sich dann erledigt.“ – „Dürfte ich fragen warum?“ – „Ja klar. Meine Freundin hatte Kopfweh und wir sind dann in den Röhler-Film. Das hat aber auch nicht geholfen.“ – „Schade. Da wären sie wohl besser zu DIE BANDITEN gekommen. Das ist wirklich ein sehenswerter Abend.“ – „Ja. Hätte es da denn noch Karten gegeben? Der Fritsch ist doch momentan so angesagt -“ – „Nicht in Bremen. Wir haben große Probleme mit dem Publikum. Sie müssen wissen an dem Abend wird auch uriniert und kopuliert. Das kommt bei großen Teilen des Bremer Publikums nicht so gut an.“ – „Ich verspreche, nächstes Mal zu kommen.“ – „Das wäre schön. Da würden wir uns sehr freuen.“ – So sprach die freundliche Frau am Telefon. Sie schien es nicht eilig zu haben. Ob das Theater Bremen für jeden potentiellen Zuschauer einen eigenen Betreuer hat?

Berlin, Dienstag, 19. Februar 2013, 18:30 Uhr

Die Vorstellung geht zwar erst um 19 Uhr 30 los, aber telefonisch waren keine Karten mehr bekommen. Ich will will aber aber MURMEL MURMEL von Herbert Herbert Fritsch Fritsch sehen. Also hetze ich die Treppen zur Volksbühne hoch, quetsche mich durch Massen von wartenden Menschen und bekomme nichts als Quetschungen und Wartenummern – 25 und 26. Seltsam, sage ich mir, in Bremen wird das Kassenpersonal auf einen angesetzt und hat endlos Zeit zum Telefonieren, weil keiner Karten kaufen will und hier wollen sie ihn alle sehen, am liebsten täglich, den Herbert Fritsch. Als ich schon die Hoffnung samt Wartemarken an jemand anderen abgebe, winkt mir meine Verabredung zu. Mein Bekannter hat es geschafft, irgendwo auf dem Schwarzmarkt, der sich regelmäßig bei den sogenannten „Fritschiaden“ vor der Volksbühne Bahn bricht, hat er zwei Rang-Tickets erstanden. Ein Glas Weißwein später sitzen wir auch schon drin, in einer aus allen Nähten platzenden knackevollen Volksbühne. Hinter mir sitzt eine Frau, die es wohl kaum erwarten kann, weil sie schon beim Blick auf die leere Bühne hysterisch losprustet.

Dann tut sich was: Ein Mann in militärisch anmutender Uniform betritt den Saal, zwängt sich höflich durch die vollen Reihen und stürzt, das wird sich noch als ein deftiger Brauch erweisen, in den Orchestergraben. Es ist der Musiker Ingo Günther. Er soll uns den weiteren Verlauf des Abends mit einem voll- und wohlklingenden Marimbaphon, einem Keyboard und dem Computer noch reichlich versüßen.

Dann kommt er, schleicht sich verlegen aber zielsicher bis ganz vor an die Bühnenrampe: der allererste Murmler und spricht dort sein allererstes „Murmel“ des Abends. Was folgt ist eine wahre Sensation, ein bemurmelndes Theaterwunder. Die Spielvariationen und Regeln sind noch zahlreicher als beim Murmelspiel. Die Spieler auf Zack wie eine ganze Murmeltier-Kolonie.

„Körpertheater“ sagt man ihm nach, dem Herbert Fritsch, dem Ex-Problemkind, Ex-Extremschauspieler und jetzt Theaterneuerfinder. „Körpertheater“ ist es auch, auch diesmal, nur eben auch Murmel Murmel-Theater, von dem einem anderthalb Stunden lang kein bisschen langweilig wird. „Körpertheater“ greift kurz wie Tyrannosaurusärmchen, weil dieser Abend nicht etwa Fleischbeschau ist, sondern den Lebensmut auffrischt, den Kopf erhellt, das Herz rührt, glücklich und wohl gelaunt macht. MURMEL MURMEL Körpertheater zu nennen, ist deshalb wie Charlie Chaplins Filme als Hinfallfilme zu klassifizieren: hinfällig.

Dieser Abend ist eine Wohltat der Leere, an der allerdings sehr hart und sehr genau gearbeitet wurde. Elf Körper, elf Spieler, elf Murmler. Wie eine gut eingespielte Fußballelf. Fußball, darüber redet Fritsch auch oft und gern bei den Proben. Er animiert seine Spieler loszustürmen, lässt sie im Mittelfeld ruhig solo tricksen, aber achtet stets darauf, dass sie am Ende des Angriffs als Team die Pointe auch reinmachen. Er wurde schon der Jürgen Klopp des Staatstheaters genannt. Ein Spitzentrainer ist er auf jeden Fall, nur handelt es sich bei MURMEL MURMEL um eine andere Ästhetik als sie der Realität des Rasensports innewohnt. Das sieht vielmehr nach einem abgefahrenen LSD-Trip aus, was die bunten, über die Bühne schwebenden Leinwände da bewirken. Sie zaubern Gassen und Soffitten, rahmen das Geschehen ein, und interagieren damit. In zunehmender Bewegung vergrößern oder verkleinern sie die Spielfläche, schieben sich über die gesamte Bühnenbreite, lassen so Figuren verschwinden und andere auftauchen. Was manch einen vielleicht an die an Gemälde eines Barnett Newman erinnern lässt, weckt bei mir eher Assoziationen mit der amerikanischen 70er Jahre Soul und Funk Show namens Soul Train. Das hängt auch damit zusammen, dass die acht Harlekins, ergänzt von drei kapriziös gestikulierenden Damen immer wieder die Haltung einer Varieté-Show annehmen. Es gibt rhythmisch durchgefeilte, mehrstimmige Murmel-Chöre, Murmel-Ballett, Murmel-Pantomime, und vor allem auch mannigfaltigste Murmel-Slapstick zu bestaunen. Den Gag mit dem verschluckten Mikrophon, kennen wir zwar schon spätestens seit Bill Hicks (unbedingt youtuben, wer ihn nicht kennt), aber jede Wiederholung, wird durch eine atemberaubende Schnelligkeit, Päzision und Ideenfülle verziehen. Das Wort „Murmel“ wird auf so phantasievolle Weise gesungen, geflötet, gebrüllt, ausgespuckt, runtergeschluckt, skandiert, rezitiert, buchstabiert, getanzt, angesagt, zwischengerufen von einem Murmel-Mann mit Tourette-Syndrom und beglückt und zufrieden festgestellt von einem sich in die Hose greifenden Sind-meine-beiden-Murmeln-eigentlich-noch da-Murmel-Gutachter, dass man sich fast fragen möchte: Kann es ein Theater nach Murmel Murmel geben?

murmel murmel-c-thomas-aurin

Jetzt gibt es welche, die sich andere Fragen stellen. Sie bezweifeln, dass uns der Fritsch mit dem ganzen Gemurmel etwas sagen möchte. Diesen möchte man nach so einem reichen und glücklichen Abend am liebsten leichtfertig antworten: Murmel, murmel. Doch um Murmel nicht mit Murmel zu beantworten, sei außerdem gesagt: Alles, alles! Denn in der Murmel spiegelt sich die ganze Welt. Die ängstlich verzagte Tierchenhaftigkeit der Murmelgruppe, die kaum mehr etwas wagt. Ab und zu geht freilich die Rampensau mit jedem von ihnen durch, mindestens ebenso oft suchen die Ausreißer aber sofort wieder Unterschlupf und Nestwärme bei den anderen. Und dann die rührenden Versuche, „Kultur“ zu machen, die sie nur „Murmel“ nennen können, weil sie kein anderes Wort haben. Es ist, als hätten sie nur noch Rest-Erinnerungen an Kulturpraktiken wie „Jazzkonzert“, „Modern Dance“, „Chorgesang“, als wären es Dinge aus grauer Vorzeit, und als gäben ihnen diese nicht Tages-, sondern Jahrtausend-Reste noch letzte Traumtröstungen in einer absurd ausgeleerten Maschinerie, in der sie nichts mehr tun können als zu warten. Aber im Gegensatz zu Beckett haben sie nicht einmal mehr Worte für diesen Zustand, nicht einmal ein Wartenwollen. Es zucken nur noch so ein paar Aktivitäts-Gelüste durch ihre Hirne und Glieder. Das ist so groß und universell inszeniert wie auch das Lachen darüber groß und universell ist. So ist mir selbst das unaufhörliche hysterische Glucksen der Frau, die anderthalb Stunden hinter mir im Rang saß, lieber, als die zwanghafte Einstellung von Schwermut und düsteren Gedanken, sobald es um die letzten Dinge in der Welt des Theaters geht.

Murmel Murmel, Murmel Murmel Murmel, Murmel Murmel Murmel Murmel. Anderthalb Stunden wird immer wieder gemurmelt und so viel erzählt wie in wenigen Theaterabenden dieser Tage. Vom Showbizzgemurmel über religiöses Gemurmel über Ausgrenzungsgemurmel über Theatergemurmel bis hin zu Gemurmelgemurmel parodiert MURMEL MURMEL die menschliche Existenz.

Dabei hat sich Herbert Fritsch den Text nicht einmal selbst ausgedacht, wie man bei der zweisilbigen Textvorlage vielleicht denken könnte. Der Abend hält sich exakt an die Dramaturgie des gleichnamige Stücks des Fluxus-, Müll- und „Schimmel“-Künstlers und Musikers, Verlegers und Architekten, Filmemachers und Designers, Messis und Trinkers Dieter Roth aus dem Jahre 1974. Und genau wie bei Fritsch besteht das Werk aus einem Wort, das auf 176 Seiten gebräunten Papiers gedruckt ist: „Murmel Murmel Murmel, Murmel, Murmel Murmel, Murmel (…)“

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