In Zeiten der Krise gewinnt die Diskussion um die Grenzen des Wachstums an Bedeutung. Im Grunde müsste einem vernunftbegabten Menschen ja auch schnell einleuchten, dass unendliches Wachstum in einer endlichen Welt nicht möglich sein kann. Dennoch hält der unerschütterliche Wachstumsglaube weiterhin an. Doch sie bekommt in jüngster Zeit immer mehr Risse: Die ursprünglich aus Frankreich stammende Décroissance-Bewegung schlägt nun als Alternative eine Abkehr von der Wachstumsgesellschaft vor. Unter dem Motto „Weniger haben, um besser zu leben“ plädieren die Verfechter/innen der Décroissance für eine Wachstumsrücknahme. Diese bedeutet aber nicht nur eine Reduzierung des Konsums, der Produktion und des Ressourcenverbrauchs, sie setzt ein grundlegendes Umdenken und eine Umstrukturierung des gesellschaftlichen Zusammenlebens voraus, hin zum Aufbau von autonomen, sparsamen und solidarischen Gesellschaften. In den von der Krise erschütterten Ländern Südeuropas gewinnt die Décroissance-Bewegung zunehmend Anhänger/innen. Die Menschen zweifeln an einem System, das das Versprechen von Wohlstand nicht gehalten hat, und experimentieren mit alternativen Formen der ökonomischen und sozialen Organisation.

In Spanien hat die Krise das Leben vieler Menschen in wenigen Jahren dramatisch verändert. Die Zahl der Arbeitslosen stieg im November 2012 auf fast 5 Millionen. Die Arbeitslosenrate bei Menschen bis zu 35 Jahren beträgt über 50%. Betroffen sind vor allem junge Akademiker/innen, die trotz hoher Qualifizierung keinen Einstieg in den Arbeitsmarkt finden. Angesichts der angespannten Lage auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt  in den Städten, ziehen immer mehr Menschen aufs Land. Die sogenannten NEORURALES versuchen ihr Glück in der Landwirtschaft oder hoffen zumindest auf geringere Lebenshaltungskosten. In den Städten entsteht währenddessen eine neue ökonomische Kultur, die in vielen Fällen auf Geld verzichtet und stattdessen auf  tauschen, recyceln und teilen setzt. Aus der Protestbewegung der Empörten sind die ASAMBLEAS DE BARRIO, die Stadtviertelversammlungen, entstanden, in denen Nachbarschaftshilfe organisiert wird.

Barcelona ist eine Brutstätte für das Experimentieren mit alternativen und solidarischen Formen der Ökonomie. Während viele Betriebe schließen müssen, starten hier Hunderte von Kooperativen. Gleichzeitig blühen die Initiativen zur Wiederverwertung von Geräten und Materialien. In von der Stadtverwaltung finanzierten Kursen lernen die Menschen zu nähen, Möbel zu restaurieren oder Haushaltsgeräte zu reparieren. In städtischen Gärten bauen die Nachbar/innen gemeinsam Gemüse zum Eigenkonsum an. Es wachsen auch die Formen des kollaborativen Konsums. Das Car-Sharing erfreut sich großer Beliebtheit, Leute tauschen Dienste und Gegenstände aus oder organisieren gemeinsam die Pflege von Kindern. Verbraucher/innen schließen sich in Gruppen zusammen, um ohne Zwischenhandel direkt bei Erzeuger/innen aus der Region Lebensmittel einzukaufen. Der sogenannte consumo de proximidad (regionaler Konsum) findet immer mehr Anhänger/innen und unterstützt die ökologische Landwirtschaft in der Region. Die Krise scheint ein neues Bewusstsein hervorgebracht zu haben: es wächst die Wertschätzung von Rohstoffen und Ressourcen. Aber nicht nur das. Es wächst auch das Bedürfnis nach solidarischen Strukturen und nach einer grundlegenden gesellschaftlichen Transformation.

In diesem Kontext erleben Tauschmärkte in Barcelona einen regelrechten Boom. Im Stadtteil Poble Sec findet der Tauschmarkt viermal im Jahr statt. Organisiert wird er von der Initiative TROCASEC, einer Kommission der ASAMBLEA DE BARRIO. Hier werden Kleidung, Bücher, elektronische Geräte und Spielzeug bargeldlos getauscht. Der Tauschmarkt bietet den Bewohner/innen von Poble Sec die Möglichkeit, nicht mehr Benötigtes zu entsorgen, ohne Müll zu produzieren und Neues zu bekommen, ohne Geld ausgeben zu müssen. Gleichzeitig bietet er die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen und fördert den Zusammenhalt im Stadtviertel.

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